Die blaue Pille

von Justyna Krystek | Screenguide #34, Diverses

Webworker sind in der Agenturwelt sehr gefragt. Die Agenturen kloppen sich um die Bezwinger des Internets. Wie ergeht es also einer, die sich während des Studiums gegen die Spezialisierung Webdesign entschieden hat?

 

Fassen wir kurz mein Leben in Zahlen zusammen: Ich habe mein Abitur mit 2.0 bestanden, mein Diplom mit Spezialisierung Text mit einer 1.3, ich bin 24 Jahre alt, habe drei Jahre lang studiert, arbeite seit vier Jahren in einer Sieben-Mann-Firma, und von meinem kleinen Gehalt geht knapp die Hälfte allein für die monströse Münsteraner Miete drauf. Und nun folgt ein kurzer Auszug aus den Jobangeboten in der Kreativbranche: „Wir suchen Verstärkung für den Digitalbereich“, „Wir brauchen dringend eine/n Screendesigner/in“, „UI/UX-Designer gesucht“, „Senior UI/UX-Designer gesucht“, „Junior UI/UX-Designer gesucht“. Finde den Fehler. Error 404. Sie haben die blaue und nicht die rote Pille genommen, Sie Idiot! Die Stellen für Copywriter sind rare Ware. Die Stellen für euch Webworker, App-Designer & Co. sind hingegen omnipräsent. Und deswegen, liebe Freunde des Webdesigns, ihr gesuchten UI/UX-Designer, ihr dringend gebrauchten Screendesigner, ihr Erleuchteten, ihr Erlöser, bereue ich jede Minute, in der ich meinem Webdesign-Dozenten nicht zugehört habe.

Für die Arbeitslosigkeit!

Bei der Wahl einer Spezialisierung, bei mir damals die Wahl zwischen Grafik-, Webdesign oder Text, dachte ich oft, dass es vermutlich eine sehr kluge Entscheidung wäre, auf das Internet zu setzen. Schließlich ist das Internet die Zukunft. Ich dachte, dass es sich durchaus lohnen würde, etwas zu wählen, das man vielleicht weniger gut kann, aber das man doch bestimmt mit Mühe und Not erlernen könnte. Aber da ich vom Sternzeichen her Gewohnheitstier bin, hat die Angst vor dem #neuland gesiegt, und ich habe mich für Text entscheiden. Und damit für die Komfortzone, für etwas, das ich ohnehin schon konnte und irgendwie auch gefühlt für die Arbeitslosigkeit. Da bin ich übrigens nicht die einzige. Viele meiner Kommilitonen scheinen das gleiche Problem zu haben, wie sich auf der letzten Weihnachtsmarktzusammenkunft herausgestellt hat. Da kotzt das Texterherz.

<wtf>

Eigentlich war ja das Fach Webdesign gar nicht so schlimm. Ich bin sowieso ein begeisterungsfähiger Mensch, aber es hat mich wirklich fasziniert, was man mit wenigen Zeilen Code so alles erreichen kann. Nicht selten habe ich den Dozenten mit lauten Ausrufen wie „Böööh!“ und „Is’ nicht wahr!“ und „Hat er nicht getan!“ und „Krasser Scheiß!“ unterbrochen. Wobei ich gefühlt nichts von der Materie verstanden habe. Denn genau das war das Problem: Webdesign ist für mich wie eine fantastische, nicht greifbare, fremde Welt, auf die ich zwar einen Blick werfen durfte, in die mir der Eintritt aber verwehrt blieb. Um diese Kolumne zu schreiben, habe ich meinen DIN-A6-Star-Wars-Kalender rausgekramt, in dem ich das ganze Webdesignwissen in winzigen Sütterlin-Hieroglyphen festgehalten habe. Nur durch diese Notizen habe ich mich notentechnisch halbwegs über Wasser gehalten. Ohne diese Notizen wusste ich nach zwei Tagen nichts mehr von dem, was mein Dozent mir beibringen wollte. Denn man kann nichts auf Dauer verinnerlichen, was man nicht begreift. Fragen Sie mich jetzt mal, was eine semantische Struktur ist oder was es mit Pseudo-Klassen auf sich hat – alles weg. Selbst wenn ich meine Entscheidung, Texterin zu werden, revidieren wollte, müsste ich noch mal bei null anfangen.

Tja nun. Is so. Machste nix.

Als Webdesignerin wäre mein Leben deutlich einfacher. Ich hätte schon längst eine feste Anstellung und ein Gehalt, bei dem ich mir keine Gedanken darum machen muss, ob es am Ende des Monats noch für etwas mehr als nur Nudeln mit Tomatensoße reicht. Wenn ich mich dafür entschieden hätte, freiberuflich zu arbeiten, könnte ich mir immerhin selbst eine Website einrichten, wozu ich mit meinem jetzigen Wissen (selbst mit meinem Star-Wars-Kalender) nicht imstande bin. Wenn ich neue Leute kennenlernen würde, könnte ich ohne Scham und schnellen Themawechsel sagen, was ich so beruflich mache. Aber ich würde nicht das tun, was ich liebe (und verstehe). Wer was Schönes arbeiten will, muss leiden. Oder so. Ich hab die blaue statt der roten Pille geschluckt, und das ist an sich gar nicht so schlimm. Immerhin kann ich jetzt von mir behaupten, einen Artikel für die Screenguide geschrieben zu haben. Und das ist ja auch schon mal etwas.

Justyna Krystek 

Justyna Krystek

hat rein gar nichts mit Web zu tun. Sie textet freiberuflich für eine Agentur in Münster und arbeitet ansonsten als Grafikerin und Texterin in einer kleinen Firma. Studiert hat sie Kommunikations- und Mediendesign an der Medienakademie in Dortmund.

Kommentare

Andre
am 12.03.2017 - 13:26

Die Selbstironie ist einfach köstlich. Keep smiling...

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